Gedanken und Texte

29.05.2026

9 Jahre

Wie lange ist der Tod eurer Tochter her?

Diese Frage kommt unweigerlich, wenn wir erzählen, dass unsere Tochter tödlich verunglückt ist. Ich selbst bin so erzogen oder sozialisiert, dass die Antwort „ Neun Jahre“etwas kleinlauter kommt. Wie alle Trauernden leben wir mit dem Zwiespalt der gesellschaftlichen Erwartungen und dem eigenen Empfinden.

Mein eigener Spruch ist heute „Trauer hat kein Ablaufdatum“. Um so unverständlicher ist mir, dass ich selbst geneigt bin, meine heutige Trauer zu entschuldigen, kleiner zu machen. Wie tief ist in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass das Vermissen leichter wird. Der Verlust wird nicht anders. Manchmal versuche ich es mit dem Bild der Amputation zu erklären. Wenn jemand einen Arm verliert, wird er lernen damit zu leben, aber der Arm wird nicht nachwachsen. So ist der Satz, „Es wird schon wieder“ komplett unangebracht und daneben. Niemals wird es wieder. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Der Verlust eines nahestehenden Menschen lässt eine neue Zeitrechnung im Leben beginnen. Somit kann es nur werden, aber eben nicht wieder wie es vorher war.

Zu Anfang verliert der Trauernde jedes Zeitgefühl. Wie aus der Zeit geworfen fühlt man sich. Als wäre die Zeit ein Gummiband, das sich dehnt und zusammenzieht. Man erschreckt, wenn man die Zeit, die vergeht, wahrnimmt. Es ist erschreckend, wenn Tage oder Wochen verstreichen. Verstörend wie eben die Realität, die man nach und nach zulassen muss. Wie kann die Zeit vergehen? Sie müsste doch stillstehen. Mit jeder zeitlichen Entfernung vom Sterbemoment wird die Realität aufdringlicher und bewusster.

Lebenszeit, die vor einem liegt, ist die eigene Zukunft. Gerade Eltern verlieren die Zukunft, das was man sich erhofft, gewünscht und erträumt hat. Man hätte die Zeit, die Lebenszeit anders gefüllt. So viele Rollen die man nicht mehr oder nie ausfüllen kann. Man bleibt Eltern, aber eben nicht Begleiter des eigenen Kindes, nicht Brauteltern, Berater, Großeltern, Umzugshelfer, Babysitter, …………….Man verliert nicht nur das Kind. Man verliert auch die Person, die man mit dem Kind zusammen gewesen wäre. So auch ein Stück seiner selbst. Man wird eine andere Person sein für den Rest des Lebens.

Trauer verändert sich mit den Jahren, so wie der Trauernde sich mit der Zeit verändert. Die Veränderung kommt aber nicht einfach mit der Zeit, sondern mit der Beschreitung des Trauerweges, des Lebensweges. Sie kommt, wenn man sich wieder auf das Leben einlässt.

Mit dieser Veränderung kann die Trauer ihre schmerzhafte Spitze verlieren. Die Zeit legt sich wie eine wärmende Decke über die Trauer. Dieses Bild mag ich sehr. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden, aber eine Decke kann sie sein, die die Spitzen der Trauer mildert.

Gedanken zu Zeit und Trauer